Die erste bekannte Erwähnung eines Steinwerks (domus lapidea) im gesamten Niederdeutschland wird in Osnabrück im Jahre 1177 verzeichnet. Bei dem Osnabrücker Urtyp handelt es sich nicht um ein freistehendes, regellos auf dem Grundstück angeordnetes Gebäude vornehmlich mit Wehrfunktion, sondern von vornherein um einen Speicherbau, der als rückwärtiges Gebäude errichtet wurde. Dieses Gebäude ist unmittelbar verbunden mit dem Fachwerkvorderhaus. Im Gegensatz zum Vorderhaus wurde es unterkellert, aber nur um etwa eineinhalb Geschosse eingegraben. Das hoch liegende Erdgeschoss diente dem Wohnen. Die übrigen Geschosse (in der Regel Keller-, Ober- und Dachgeschoss) wurden hingegen allein zu Speicherzwecken genutzt. Das Steinwerk war eine lokalspezifische Antwort auf die permanente Brandgefahr in der mittelalterlichen Stadt und wurde so als eigener Osnabrücker Bautypus geformt. Dieser Bautyp wird in erstaunlicher Ungestörtheit durch die ältesten noch existierenden Steinwerke Osnabrücks, Bierstraße 7 und Dielingerstraße 13 - erbaut um das Jahr 1220 - dokumentiert.
Beide Steinwerke sind trotz der vielen Brände in einigermaßen ursprünglichem Zustand erhalten geblieben. Sie stammen mit den Einzelformen ihrer gekuppelten Fenster aus der gleichen Zeit, in der in Osnabrück der Dom, der Turm der Marienkirche und das Kloster Gertrudenberg gebaut wurden. Die Feinheit der Einzelformen der großen Architektur spiegelt sich in den zarten Säulchen und Kapitälen dieser beiden Steinwerke wider. Das Steinwerk Bierstraße 7 war auch einmal als festes Haus innerhalb der Mauern im Besitz des Klosters Gertrudenberg. Am Steinwerk in der Dielingerstraße ist der ursprüngliche Zustand dieser Wohntürme noch am klarsten zu erkennen. In der Wand steigt auch die Treppe, die in den hohen gewölbten Oberraum führt. Die Decke des ehemals halbtiefen Kellers ist heute entfernt und der Boden erhöht und ebenerdig gemacht. Das Steinwerk Dielingerstraße 13 wurde 1960/61 und Ende der 80er Jahre im Zuge der Altstadtsanierung wieder instand gesetzt. Mit Übernahme des Steinwerks durch den Verkehrsverein erhielt das Gebäude 2003 eine neue modifizierte Zugangssituation über das Fachwerkhaus Rolandsmauer 23 und steht heute als Versammlungsraum für repräsentative Veranstaltungen zur Verfügung.





